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Wie viel Gehalt bei Jobwechsel verlangen? Die 10-20% Regel und ihre Grenzen

Wie viel mehr Gehalt kannst du beim Jobwechsel im Galabau verlangen? Die 10-20-Prozent-Regel, wann mehr drin ist und wann weniger realistisch.
Wie viel Gehalt bei Jobwechsel verlangen?

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Wer im Galabau den Betrieb wechselt, hat zwei Möglichkeiten: gleich viel verdienen wie vorher oder mehr. Gleich viel ergibt selten Sinn, weil dann die Mühe des Wechsels umsonst war. Mehr ergibt fast immer Sinn, weil ein neuer Arbeitgeber für dich konkurrieren musste, sonst hättest du nicht gewechselt. Die Frage ist nur: Wie viel mehr kannst du fordern, ohne dass es lächerlich wirkt oder du dich unter Wert verkaufst?

Die 10-20-Prozent-Regel ist eine bewährte Faustformel, hat aber Grenzen. Wer sie blind anwendet, lässt manchmal Geld liegen oder fordert das Falsche. Dieser Artikel zeigt dir, wann die Regel passt, wann mehr drin ist, wann weniger realistisch ist und wie du deine Forderung im Bewerbungsgespräch konkret formulierst.

Die kurze Antwort

Beim Jobwechsel im Galabau sind 10 bis 20 Prozent mehr Brutto-Jahresgehalt eine realistische Forderung, wenn du aktuell im Marktbereich liegst. Wer schon übertariflich gut bezahlt wird, kommt eher an die untere Grenze. Wer aktuell unter Wert ist oder gleichzeitig eine Karrierestufe macht (zum Beispiel Geselle zu Vorarbeiter), kann auch 25 bis 30 Prozent fordern. Wer in eine Mangelregion oder zu einem Premium-Betrieb wechselt, ebenfalls. Wer beim Wechsel kein Plus durchsetzt, hat falsch verhandelt oder den falschen Wechsel gewählt.

Die 10-20-Prozent-Regel erklärt

Die Regel besagt: Wer den Arbeitgeber wechselt, sollte 10 bis 20 Prozent mehr Brutto-Jahresgehalt verlangen als beim aktuellen Arbeitgeber. Drei Gründe, warum diese Spanne im Galabau funktioniert:

Anreiz für den Wechsel. Ein Wechsel kostet dich Probezeit, neue Einarbeitung, neue Kollegen, neuen Pendelweg, ein paar Wochen Unsicherheit. Damit sich das lohnt, muss netto deutlich mehr drinhängen als beim alten Job. Unter 10 Prozent würde sich kaum jemand bewegen, deshalb ist 10 Prozent in der Regel die Untergrenze.

Mitarbeiterbindungs-Logik des neuen Betriebs. Ein Galabau-Betrieb, der einen erfahrenen Mitarbeiter aus einem anderen Betrieb abwirbt, weiß, dass er ein Plus bieten muss. Das ist im Markt so eingepreist. Wer nur „nach Tarif des neuen Betriebs“ oder „auf gleichem Niveau“ anbietet, ist selten ernsthaft an dir interessiert.

Verhandlungsspielraum. 10 bis 20 Prozent ist ein Raum, in dem Argumente und Gegenargumente Platz haben. Bei 10 Prozent kann der Betrieb noch klein verhandeln, bei 20 Prozent ist die Obergrenze, die nicht verbrannt wirkt. Wer 30 Prozent fordert, muss dafür sehr gute Gründe haben (siehe unten).

Wann mehr als 20 Prozent realistisch sind

Vier Konstellationen, in denen die Standardregel zu konservativ ist:

Du wirst aktuell unter Wert bezahlt. Wenn dein jetziger Stundenlohn unter Tarif oder weit unter regionalem Übertarif liegt, ist nicht der Aufschlag das Maß, sondern dein wahrer Marktwert. Beispiel: Wer als Geselle 18 Euro brutto pro Stunde bekommt, obwohl der regionale Marktwert bei 22 Euro liegt, kann beim Wechsel 22 bis 23 Euro fordern. Das sind dann 25 bis 30 Prozent mehr, weil der Aufholbedarf eingerechnet wird. Mehr dazu in unserem Stundenlohn-Check.

Du machst gleichzeitig einen Karrieresprung. Vom Geselle zum Vorarbeiter, vom Vorarbeiter zum Polier, vom Polier zum Meister. Wer beim Wechsel nicht nur den Betrieb, sondern auch die Karrierestufe hochnimmt, kann den Stufensprung plus den Wechsel-Aufschlag verlangen. Das kann leicht 25 bis 35 Prozent ergeben. Voraussetzung: Du wirst dort tatsächlich auf der höheren Stufe eingestellt, nicht „theoretisch in einem Jahr“.

Du wechselst in eine Mangelregion oder zu einem Premium-Betrieb. Süddeutschland, Speckgürtel von Großstädten, Premium-Privatkundengeschäft. Wer in solche Märkte wechselt, kann auch 20 bis 30 Prozent fordern, weil der Marktlohn dort höher liegt.

Du hast eine konkrete Konkurrenz-Bewerbung in der Tasche. Wer schwarz auf weiß ein Angebot eines anderen Betriebs hat, kann das im Verhandlungsgespräch nutzen. „Ich habe ein Angebot über X Euro. Wenn Sie mich gewinnen wollen, kommen wir bei Y Euro zusammen.“ Der Aufschlag richtet sich dann nicht mehr nach deinem aktuellen Gehalt, sondern nach dem Bietergefecht zwischen den zwei interessierten Betrieben.

Wann weniger als 10 Prozent realistisch sind

Drei Konstellationen, in denen die Standardregel zu hoch greift:

Du wirst aktuell schon übertariflich gut bezahlt. Wer als erfahrener Geselle bereits am oberen Marktrand verdient, kommt beim Wechsel selten weit über 5 bis 10 Prozent hinaus. Der nächste Betrieb hat nur begrenzten Spielraum, dich noch deutlicher zu überbieten, ohne intern Verzerrung zu erzeugen.

Wechsel ohne Karriereänderung in derselben Region und Lohngruppe. Geselle bleibt Geselle, gleiche Region, ähnlicher Betrieb. Hier ist 5 bis 12 Prozent typisch. Wer mehr will, muss zusätzliche Argumente bringen.

Du wechselst zu einem wirtschaftlich vorsichtigen Betrieb. Manche Betriebe haben kleinere Margen oder schwierige Auftragslagen. Wer dort einsteigt, weil ihm die Arbeit oder die Kollegen wichtig sind, akzeptiert manchmal einen kleineren Aufschlag, um die Stelle überhaupt zu bekommen. Das ist in Ordnung, aber bewusst entscheiden.

Was du als Verhandlungs-Basis brauchst

Bevor du mit einem neuen Betrieb über Gehalt sprichst, drei Zahlen kennen:

Dein aktuelles Brutto-Jahresgehalt komplett. Stundenlohn mal Jahresstunden plus 13. Monatsgehalt plus Urlaubsgeld plus durchschnittliche Auslöse plus Wegegeld plus VL-Zuschuss. Nicht nur den Stundenlohn vergleichen. Mehr dazu in unserem Artikel zu 13. Monatsgehalt und Sonderzahlungen.

Den regionalen Marktwert für deine Position. Was zahlen vergleichbare Betriebe in deiner Region für jemanden mit deiner Erfahrung und Qualifikation? Schau in Stellenanzeigen, frag im Netzwerk, beobachte den Markt drei bis sechs Monate vor dem Wechsel.

Die obere Schmerzgrenze des Zielbetriebs. Schwierig im Voraus zu wissen, aber abzuschätzen aus Betriebsgröße, Region, Spezialisierung. Ein kleiner Galabau-Betrieb mit kommunalen Aufträgen hat eine andere Schmerzgrenze als ein Premium-Betrieb mit Privatkunden in München.

Mit diesen drei Zahlen kannst du ableiten, ob 10, 15, 20 oder 25 Prozent in der konkreten Konstellation realistisch sind, und welche Zahl du im Gespräch nennst.

Wie du es im Bewerbungsgespräch ansprichst

Drei Optionen, je nach Stand der Bewerbung:

Erstgespräch, wenn der Chef die Frage stellt. „Bei meiner Erfahrung von [X Jahren] und meiner Spezialisierung in [Bereich] erwarte ich [konkrete Zahl] brutto pro Stunde plus die üblichen Zusatzleistungen. Das ergibt rund [Brutto-Jahresgehalt] und liegt rund [Prozent] über meinem aktuellen Verdienst, was meiner Marktposition entspricht.“

Erstgespräch, wenn der Chef nicht fragt. Du bringst die Frage am Ende selbst. „Bevor wir auseinandergehen, möchte ich noch über die Konditionen sprechen. Mein aktueller Stundenlohn liegt bei [X], und ich erwarte beim Wechsel einen Aufschlag im Bereich von 10 bis 20 Prozent. Wo bewegen wir uns aus Ihrer Sicht?“

Zweitgespräch oder Vertragsangebot, wenn die Zahl niedriger ist als erwartet. „Vielen Dank für das Angebot. Auf Basis meiner aktuellen Verdienste und der Marktposition hatte ich mit [konkrete Zahl] gerechnet. Was wäre der Hebel, um auf diese Zahl zu kommen? Eine zusätzliche Spezialisierung, eine andere Position oder ein Plus an Verantwortung?“

Was du nicht sagen solltest: „Im Internet steht, dass im Galabau bei Wechsel 10 bis 20 Prozent üblich sind.“ Der Chef weiß das. Er braucht von dir keine Marktrecherche, er braucht eine konkrete, begründete Forderung.

Was Betriebe gegen die Forderung sagen werden (und wie du reagierst)

Vier typische Gegenargumente und wie du klug antwortest:

„Wir zahlen nach Tarif, da ist kein Spielraum.“ Antwort: „Verstehe ich. Wie steht der Tarifsatz im Verhältnis zu dem, was vergleichbare Betriebe in der Region tatsächlich zahlen? Ich erwarte eine Anpassung an den regionalen Marktwert.“

„In der Probezeit erstmal weniger, danach erhöhen wir.“ Antwort: „Mündliche Erhöhungs-Versprechen werden in der Praxis selten eingehalten. Wenn die Erhöhung nach der Probezeit kommt, lass sie uns schriftlich in den Vertrag aufnehmen, mit konkretem Datum und Zahl.“

„Sie kommen ja von einem schlechter zahlenden Betrieb, mehr wäre nicht angemessen.“ Antwort: „Mein aktuelles Gehalt war ein Verhandlungsergebnis von vor Jahren. Was Marktwert ist, sehen Sie in Ihrer eigenen Lohngruppen-Struktur und in der regionalen Lage. Wir sollten über den heutigen Wert verhandeln, nicht über mein historisches Gehalt.“

„Mehr als X Euro können wir nicht zahlen.“ Antwort: „Wenn beim Stundenlohn kein Spielraum ist, gibt es andere Stellschrauben? Höheres 13. Monatsgehalt, übertariflicher VL-Zuschuss, Werkzeugzuschuss, Erfolgsbeteiligung, Aufstiegsperspektive mit klarer Frist. Was ist auf Ihrer Seite möglich?“

Häufige Fragen

Soll ich mein aktuelles Gehalt im Bewerbungsgespräch nennen?

Im Galabau in der Regel ja. Wer ehrlich sagt, was er aktuell verdient, schafft eine Verhandlungsbasis. Wer das verschweigt, wird oft so behandelt, als hätte er nichts zu bieten. Voraussetzung: Du kennst den Marktwert und kannst klar sagen, dass du beim Wechsel mehr willst.

Was ist, wenn ich aktuell deutlich unter Tarif bezahlt werde?

Dann verhandelst du nicht über Aufschlag, sondern über deinen wahren Marktwert. Argumentier nicht mit dem aktuellen Gehalt („das war mein letzter Lohn“), sondern mit dem regionalen Marktlohn („das ist, was meine Position aktuell wert ist“). Mehr dazu in unserem Stundenlohn-Check.

Wie hoch ist die maximale Forderung, die ich riskieren kann?

30 Prozent über aktuellem Brutto ist im Galabau die obere Grenze, ab der die meisten Betriebe abwinken oder den Bewerber als unrealistisch einschätzen. Ausnahmen: Wenn du gleichzeitig eine Karrierestufe machst oder ein konkretes Konkurrenz-Angebot in der Hand hast. Über 30 Prozent solltest du dann sehr gut begründen können.

Was, wenn der Betrieb ein niedrigeres Angebot macht und ich es trotzdem will?

Dann verhandelst du nicht über die Sofort-Erhöhung, sondern über andere Bestandteile. Schriftliche Zusage einer Anpassung nach der Probezeit, höheres 13. Monatsgehalt, übertarifliche Zusatzleistungen, Aufstiegsperspektive mit konkretem Zeitrahmen. Mündliche Versprechen ohne schriftliche Festlegung sind nichts wert.

Wie verhalte ich mich, wenn der Chef sofort ja sagt zu meiner Forderung?

Vorsicht. Wer ohne Diskussion ja sagt, hatte vermutlich noch mehr Spielraum. Beim nächsten Gespräch oder beim Vertrag kannst du sehen, ob da noch Ergänzungen sinnvoll sind (Zusatzleistungen, Aufstiegsklausel, Bonusregel). Du musst aber nichts erzwingen, nur weil er schnell zugesagt hat. Manchmal hat er einfach gerne deinen Marktwert akzeptiert.

Soll ich beim Bewerbungsgespräch eine konkrete Zahl nennen oder eine Spanne?

Konkrete Zahl ist meist besser, weil sie zeigt, dass du dir Gedanken gemacht hast. Eine Spanne („zwischen 22 und 24 Euro“) wirkt schwächer, weil der Betrieb dann automatisch das untere Ende nimmt. Wenn du eine Zahl nennst, lieber etwas höher als zu niedrig.

Kurz und ehrlich zum Schluss

Wer beim Jobwechsel kein Plus durchsetzt, hat etwas falsch gemacht. Entweder zu wenig verhandelt, den falschen Betrieb gewählt oder den eigenen Marktwert unterschätzt. Die 10-20-Prozent-Regel ist eine gute Faustformel, aber sie ist nicht in Stein gemeißelt. Wer aktuell unter Wert ist, kann mehr fordern. Wer schon sehr gut verdient, kommt eher an die untere Grenze.

Wichtig ist, dass du mit konkreten Zahlen ins Gespräch gehst und im Zweifel nachfasst, statt das erste Angebot zu akzeptieren. Im Galabau wird selten weniger gezahlt, wenn man verhandelt. Aber häufig mehr, wenn man die richtige Zahl nennt.

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